Dieses Jahr mache ich Urlaub auf Balkonien. Fliegen will ich nicht, denn die Fliegerei ist in den letzten Jahren immer unangenehmer geworden. Eigentlich kann man wie unser Bundeskanzler nur noch mit dem Privatflugzeug gemütlich und stressfrei verreisen. Aber mein Flugzeug ist leider in der Werkstatt. Auto fahren nervt mich schon lange, macht auch keinen Spaß. Balkonien scheint mir da eine gute Alternative zu sein.
Viele Menschen denken, mit „Balkonien“ sei der Urlaub zuhause auf dem Balkon gemeint. Der hat ja auch was für sich. Man sitzt bequem und kann bei einer Pizza entspannt die Aussicht von oben genießen. Doch es gibt auch noch andere Balkone, auf denen man sitzen, Pizza essen und die Aussicht genießen kann. Die beste Pizza gibt es natürlich in Italien, und da Pizza in Gesellschaft besser schmeckt, fahren Guido und ich gemeinsam los. Es ist schon eine Weile her, dass wir zu zweit unterwegs waren. Also los!
Mittwoch, 27. August:
Ich bin erst gestern Abend wieder in Stuttgart angekommen, daher muss ich erstmal meine Siebensachen packen, bevor wir uns am Glemseck treffen und wir uns Richtung Süden aufmachen können. Der Weg nach Italien führt durch die Schweiz und der Weg in die Schweiz führt durch den Schwarzwald. Heute haben wir es nicht so weit, wir müssen nur unsere Unterkunft an der Schweizer Grenze erreichen. Ich muss mich erst noch eingrooven, denn mit dem fliegenden Teppich bin ich jetzt schon lange nicht mehr gefahren. Zudem spielt das Wetter erst mal nicht so gut mit und macht der Stromversorgung von meinem Navigationsgerät Probleme. Mit schwarzem Bildschirm kann man nicht gut navigieren. Doch je näher wir der Schweizer Grenze kommen, desto besser läuft‘s. Mal sehen, ob der Wettergott uns morgen wohlgesonnen ist.

Donnerstag 28. August:
Die Schweizer haben, im Gegensatz zu den fleißigen Norddeutschen, ihre Berge noch nicht vollständig eingeebnet. Immerhin haben sie, getreu dem Motto „Der Faule darf nicht dumm sein“, die Einebnung mancher Landesteile den Flüssen überlassen. Besonders schön ist das im Wallis zu beobachten. Unten im Tal hat sich die Rhone ihren Weg durch die Berge geschnitten. Das Tal ist so flach wie eine tote Ratte, über die im Sommer sehr viele Autos gefahren sind, und die dann trocken und leicht nahezu untrennbar mit dem Asphalt verbunden zu sein scheint. Doch rechts und links des Hochtals stehen die imposanten drei- bis viertausender Berge der Walliser Alpen Spalier. Und da oben, an den mit Weinreben bepflanzten Abhängen, gibt es einige Balkonstraßen, die die meisten Leute einfach rechts oder links liegen lassen, wenn sie auf der Autobahn die 300km Strecke von Basel nach Aosta fahren. Diese Straßen, an denen Andere vorbei fahren, sind unsere Version von Balkonien.
Doch bevor wir dort hin kommen, müssen wir noch bei einem ausgedehnten Frühstück den Regen aussitzen. Dann geht es auf kleinen Abwegen durch‘s Jura über den Passwang mit seinem Alpenblick und den Balmberg, den mit 25% steilsten Schweizer Straßenpass.
Gut in die Regenkleidung verpackt fahren wir nach einem Burger im Restaurant Blapbach weiter Richtung Luegli / Meienberg. Die Hofstettenstraße über den Meienberg (Gestelenpass) verbindet Zwischenflüh und Grubenwald. Eine Maut von 10 Franken ist hier fällig. Die Maut wird von einem Automaten kassiert, der ziemlich versteckt hier bei der Bäckerei steht, nur Kleingeld nimmt und nicht wechseln kann. Oben auf der Straße herrscht Rutschgefahr durch Bauernglatteis, die ist im Preis inbegriffen, genau wie die grandiose Aussicht. Hier oben ist es rustikal, die Übernachtung und das Abendessen in Saanenmöser sind dagegen gemütlich posh.

Freitag 29. August:
Zum Frühstück befahren wir bei inzwischen deutlich besseren Wetter den Jaunpass. Dieser stellt die Sprachgrenze zwischen französisch- und deutschsprachiger Schweiz dar. Diese Grenze können wir leicht überwinden und steuern über den Ruedersberg für einen Kaffee auf das Berghotel Hornfluh zu. Hier lenkt die famose Aussicht beinahe vom guten Kaffee ab.

Nun halten wir auf die Route de L’Hongrin zu. Die Befahrung dieser schönen Straße ist möglich, wenn man einige Punkte beachtet: Die von der Nordrampe des Col des Mosses in La Lécherette abzweigende, relativ flache Ostrampe führt oberhalb des Lac de l’Hongrin über insgesamt 47 Brücken. Diese Teilstrecke führt durch Militärgebiet und ist üblicherweise nur Abends und am Wochenende für den öffentlichen Verkehr freigegeben! Wir schauen hier, ob die Strasse offen ist. Heute ist die Durchfahrt ab 16:00 Uhr möglich. Also machen wir noch eine ausgedehnte Mittagspause am Arnensee. Der Weg dorthin kostet pro Schrankenöffnung 7 Franken. Nach Einwurf des Geldes bleiben 25 Sekunden, bis die Schranke wieder herunter geht. Weitere 60 Sekunden vergehen, bis uns der Almabtrieb der Kühe entgegen kommt. Die Koordinationsübung gelingt und wir kommen beide in das Sackgassenidyll, indem wir um die Kuhfladen auf dem schmalen Weg Slalom fahren. Hier machen wir 2 Stunden: Nix. Tut auch mal gut.

Die Route de L’Hongrin bietet bis zur Schleife bei La Sarse einen herrlichen Blick über den Genfer See, danach folgt ein 300 m langer, nicht beleuchteter Tunnel, für den Einrichtungsverkehr festgelegt ist (30-Minuten-Takt). Die anschließende Balkon-Südrampe hat ca. 10% Steigung und bietet dann auch reichlich Kehren, damit die Reifen rund bleiben und wir nach Villars-Sur-Ollon in die Unterkunft einrollen können. Und wer dort freundlich fragt, kriegt ein wunderschönes Apartment.
Samstag 30. August:
Der Tag begrüßt uns wolkenverhangen. Das Trommeln des Regens auf dem Dach hat uns heute Nacht wachgehalten, der Blick vom Balkon unseres Apartments ist ruhig und grau. Voraussichtlich kommt die Sonne heute erst um die Mittagszeit heraus. Fully Loaded: 30% geschotterter Anstieg zur Gite De Bonheur. Da oben würden wir gerne mal übernachten. Der nächste Nachbar ist zwar nur 1500m Luftlinie, aber 1000 Höhenmeter entfernt.

Die nächste balkonische Strasse ist die Route De Derborence. Diese erinnert ein wenig an die Balkonstrassen im Vercors. Frisch asphaltiert und durch Tunnel in den nackten Felsen gehauen endet sie oben an einem See, der sich hinter Bäumen an einem gut gefüllten Parkplatz versteckt. Wir fahren wieder zurück ins Tal, nur um auf der anderen Talseite wieder hochzufahren. Von La Tzoumaz fahren wir am Altiport vorbei über den Col Croix-De-Coeur nach Verbier. Hier wird ebenso wie am Col Du Lein die sichere Beherrschung des Motorrads vorausgesetzt. Am Champex-Lac verköstigen wir einen Apfelkuchen und zischen dann über den Grand-Saint-Bernard rüber nach Italien. Hier sind die Preise wieder zivilisiert. Zum Abendessen bringt uns die Dorfjugend ein Ständchen. Ich glaube, sie singen „Leck mich am Arsch, Amore Mio!“.

Sonntag, 31. August:
Ich stehe früh auf und tausche den wackelnden Halterungsring meines rechten Zusatzscheinwerfers, meine Reparatur mit Heißkleber hat nur 5000km gehalten. Pünktlich um 9 fahren wir zum Frühstück, doch wir nehmen den langen Abweg von Cerisey hoch zum Champillon, so dass wir erst gegen 10:30 in der Bar ankommen.

Der Montblanc ist der höchste Berg Europas, 4805 Meter hoch. Ihm kommt man nicht mit dem Motorrad, sondern mit der Seilbahn am Nächsten. Wir nähern uns dem weißen Berg auf der pittoresken und Traumstraße namens SR41, dann bringt uns von Courmayeur die runde Gondel auf den höchsten Balkon Italiens, dem Punta Helbronner auf 3462m Höhe. Der Blick von oben ist atemberaubend.

Nun müssen wir nur noch ins Hotel in La Rosière einrollen. Prost!
Montag, 1. September:
Nachdem wir uns gestern Abend einen in den Helm geknetet und das Blechdach verbogen haben (die Rechnung an der Bar war höher als die für das Zimmer), geht die Fahrt heute Morgen mehr feucht als fröhlich los.
Am Col de l’Iseran regnet es schon ordentlich. Am Lac Du Mont Cenis ist der Regen kaum noch zu sehen, denn bei dem Nebel sehen wir sowieso kaum etwas.

Wir beschließen bei einem Trocknungsaufenthalt beim Bratbäcker, dass wir uns in Alba einmieten und dann fahren wir direkt dorthin. Hier befindet sich zwar der Hauptsitz von Ferrero, aber Haselnüsse sehen wir hier ebensowenig wie Piemontkirschen. Bei der Ankunft hört es endlich wieder auf, zu regnen. Egal, morgen werden wir wieder die Sonnencreme benötigen.
Dienstag, 2. September:
Stimmt nicht, was ich gestern über die fehlenden Haselnüsse geschrieben habe. Beim Check-Out schenkt mir die nette Dame von der Rezeption eine Tüte gezuckerte Nüsse. Die kommen ins Topcase und wir brechen auf. In den letzten Tagen muss es hier in der Gegend kräftige Unwetter gegeben haben. Überall liegen abgerissene Blätter, Zweige und lose Steine herum. Diese gilt es zu umkurven und dabei nicht auf den schlammigen Fango-Pfützen auszurutschen.
Noch vor dem Passo Del Faiallo gibt Guido bekannt, dass sein Sprit noch für ca. 40km hält. Menno, was ist denn das für ein Adventure Motorrad, das nur eine so geringe Reichweite hat!? Naja, dafür sieht es wenigstens gut aus. Sagt er zumindest. Die nächste Tankstelle ist unten am Meer. Also ändern wir die geplante Route und fahren über den Monte Beigua runter ans Wasser. Hier ist es schön warm und so können wir auch gleich eine Mittagspause einlegen.

Frisch gestärkt fahren wir wieder ins Landesinnere und kommen einige Stunden und viele hunderte Kurven später im Looky Hotel an. Der Name ist Programm. Der Blick aus den Zimmern ist gigantisch und die Motorräder haben sogar einen eigenen Balkon.

Mittwoch, 3. September:
Wenn das Frühstück mit so einer Aussicht anfängt, kann ja nichts mehr schiefgehen. Wir durchfahren die traditionellen Kurven der frisch asphaltierten Via Aurelia am Passo Del Bracco. Über diese Strasse sind schon zu Römerzeiten die Pferdefuhrwerke gefahren, darum hat die Strecke so schöne Radien. Immer wieder öffnet sich die Gebirgslandschaft und gibt den Blick auf das Meer und die Autobahn frei, die in dieser Gegend wohl die einzige Strasse ist, auf der man auch mal einigermaßen geradeaus fahren kann.

Wir befahren Pässe, die teilweise recht anspruchsvoll zu fahren sind und die uns vormals unbekannt waren. Der Radieschenpass (Passo Delle Radici) verwöhnt uns mit erlesenen Kurven, dennoch gelingt es kaum, eine Stelle zu finden, an der man anhalten und ein Foto machen kann. Im Hintergrund überragt der überraschend hohe Monte Sagro die hügelige Landschaft.

In Sestola weitet sich die Landschaft, hier kehren wir ein. Toskana Balkonia Est, wie wir Lateiner sagen.
Donnerstag, 4. September:
Wir steuern weiter Richtung Osten und genehmigen uns am Lago Di Suviana einen kleinen, starken Kaffee. Das ist anscheinend ein übliches Ausflugsziel für die Motoristi aus Florenz. Deutsche Kennzeichen haben aber nur 2. Die Gegend hier ist weltbekannt für ihre Schönheit, so dass hier sogar die Autobahn „Panoramico“ heißt.
Wir überqueren den Passo Della Futa, während die Temperaturen weiter in Richtung 30 Grad steigen. Dann befahren wir die SP503 mit dem Passo Del Giogio, auf denen etliche Kollegen für den Darwin Award oder den neuen Rundenrekord auf dem nahe gelegenen Mugello Circuit üben. Hier machen wir ein Zielfoto mit der Hausfotografin. Diese sieht in ihrem Lederkombi und ihren etwa 1,38m Körpergröße aus wie ein ausgebauter Ledersitz und ist, wenn ich mich nicht irre, die Schwester von Valentino Rossi.

Kreuz und quer fahren wir nun die Milchstraße (Strade di Latte) entlang, bis wir gegen 17:00 Uhr endlich das Meer sehen. Das ausgesuchte Falconia Hotel mit Pool ist so beliebt, dass es ausgebucht ist. Daher nehmen wir uns ein B&B mit Garten und Frühstück. GuNa!
Freitag, 5. September:
Monte Nerone. Wow. Da muss man einfach abbiegen und hochfahren.

Wir übernachten in der 5.000-Einwohner-Stadt Norcia. Hier sind noch an vielen Gebäuden die Folgen des verheerenden Erdbebens vom 30. Oktober 2016 deutlich erkennbar. Entweder sind die Gebäude hier verfallen und verlassen — oder eben neu, so wie unsere Unterkunft. Die Fußgängerzone ist überwiegend wieder hergestellt, und auch die Basilika San Benedetto, die durch das Beben eingestürzt war, wird wieder zusammengesetzt. Wir gehen essen und wünschen uns einen guten Appenin. Zum Nachtisch gibt’s Daduffo.

Samstag, 6. September:
Wir fahren weiter nach Süden und kommen dabei an weiteren Orten vorbei, die uns seit der Erdbebenserie von 2016 und 2017 ein Begriff sind: Accumoli, Amatrice, Arquata del Tronto …
In Amatrice sind wir geschockt, denn der gesamte historische Ortskern ist dem Erdboden gleich gemacht. Einzig der Glockenturm steht noch (oder wieder?).

Der Campo Imperatore (italienisch für „Kaiserliches Feld“) ist ein auf etwa 1600 bis 1900 m Höhe gelegenes beckenförmiges Hochplateau südlich des Massivs des Gran Sasso d’Italia in der Provinz L’Aquila. Der Campo Imperatore wurde seit alters her als Weidefläche insbesondere für die Transhumanz als riesige Sommerweide für Rinder-, Pferde- und Schafherden genutzt. Man kommt sich hier wegen der geringen Vegetation vor wie auf einer Hochebene im Himalaya. Die Region ist ziemlich unzugänglich und dünn besiedelt. In kaum einer europäischen Region leben mehr Bären, Wölfe, Wildkatzen, Gämsen und Adler. Und wir sind von der Landschaft hier total fasziniert.

Der höchste auf asphaltierter Straße erreichbare Punkt auf 2130 m Höhe liegt südlich des Corno Grande, des höchsten Bergs des Gran-Sasso-Massivs und auch des ganzen Apennins. Hier befindet sich das Hotel Campo Imperatore, das im September 1943 zum Schauplatz der Befreiung Mussolinis durch eine deutsche Kommandoeinheit wurde (das sogenannte Unternehmen Eiche). Denn nach der alliierten Landung in Sizilien in wurde Mussolini für sämtliche Fehlschläge während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich gemacht und hierher verbannt. Seit der Schließung des Hotels ist der Mussolini-Tourismus vielleicht weniger geworden, und man könnte ungestört den Ausblick nach Süden über Assergi hinweg bis nach Aquila genießen, wenn hier oben an diesem Samstag nicht ein regelrechter touristischer Ansturm stattfinden würde, der hoffentlich nichts mit dem Duce zu tun hat. Hier findet man ein Observatorium, ein Museum, einige Imbissstände, die Bergstationen einer Seilbahn und einen vollen Parkplatz für 100 Autos und 150 Motorräder.
Sonntag, 7. September:
Nein, weiter nix.

Montag, 8. September:
Die Pause gestern hat gut getan. Die Unterkunft sehr schön, die Aussicht am Balkonpool gigantisch, das Frühstück landestypisch.
Noch einen kleinen Schwenker, dann geht es wieder nordwärts. Die Auffahrt zum Passo San Leonardo von Casino Corvi aus gibt den Ausblick auf das Tal frei.

In der Hollywoodkulisse Castel Del Monte gibt es zwar kein Benzin, aber dafür eine ortsübliche Stulle mit Schinken und Käse. So sind zwar nicht die Mopeds, aber wenigstens wir gestärkt und so kurven wir weiter durch den Campo Imperatore. Die nächste Tankstelle finden wir 70km weiter in Isola Del Gran Sasso. Insgesamt sind hier nur wenige Tankstellen in der Gegend. So kommen zu den 30 Grad Außentemperatur auch noch Schweißperlen von der Reichweitenanspannung hinzu.

Nun besuchen wir die Skilifte in Prati Di Tivo. Der Ort befindet sich mitten im Bergmassiv des Gran Sasso d’Italia, das mit einer maximalen Höhe von 2912 Metern Seehöhe den höchsten Punkt des Apennin darstellt. Auf verschiedenen SPs (45a, 47a, 48, 49 …) schunkeln wir uns ebenso schwungvoll wie präzise auf vernachlässigten Wegen zum perfekten Tagesausklang zum Schnäppchenpreis in Acquasanta Terme. Ab in den Pool, das Restaurant öffnet erst um 19:30. GuNa!
Dienstag, 9. September:
Die Pian Grande di Castelluccio di Norcia verzaubert uns. Wir fühlen uns, als hätte uns jemand unerwartet in die schottischen Highlands versetzt. Oder nein: als hätte jemand unerwartet die schottischen Highlands hierher versetzt! Doch in den Highlands finden sich nicht so pittoresk an einen Bergvorsprung gebaute Dörfer wie Castellucio. Heute ist das Tal graugrün, die Weite der Landschaft, die Luft, das Licht … das hat schon eine gewisse Magie. Im Juni, wenn das gesamte Tal in bunter Blütenpracht steht, dann muss dieser Ort hier ganz besonders atemberaubend sein. Nur leider ist dann vermutlich wirklich zu voll hier.

Visso muss vor den Erdbeben mal ein richtig schönes Dorf mit mittelalterlichen Gebäuden gewesen sein. Und das, was davon noch übrig ist, ist es auch noch. Jedoch sind heute hier überall Baukräne aufgestellt, viele Häuser sind eingerüstet. Und die Leute wohnen in Siedlungen, die an amerikanische Trailerparks oder englische Campingplätze erinnern, wenn es auch hier sehr sauber und aufgeräumt aussieht. Das einzig Schräge hier sind die Satellitenschüsseln, die vorne an den hölzernen Behausungen angebracht sind und mit denen die Bewohner die Zeit überbrücken, bis die Glasfaserleitungen auch in die neue Dauerbehelfsbehausung verlegt wurden. Das neu aufgebaute Dorfzentrum wirkt leider so seelenlos, dass wir lieber noch ein paar Kilometer weiter fahren, um einen Cappuccino zu trinken und ein Hotel am Meer zu buchen: Morgen wird es wahrscheinlich den ganzen Tag regnen. Mal sehen. Wenn die Wettervorhersage stimmt, dann hängen wir lieber noch einen Tag auf dem Balkon rum und essen Pizza.
Mittwoch, 10. September:
Der Himmel ist grau. Trübe. Aber es ist wenigstens warmer Regen, der heranzieht. Wir bleiben. Der Wirt wittert seine Chance, einen kostenpflichtigen Parkplatz auf dem Hotelareal zu verkaufen. Denn mein Motorrad steht draußen auf der Straße in einem Bereich, der eigentlich für neue Hotelgäste zum Ein- und Ausladen genutzt wird. Als ich ihn frage, wessen Auto denn da draußen die eigens ausgewiesenen Motorradparkplätze blockiert, druckst er etwas merkwürdig herum. Wahrscheinlich ist es sein Auto.

Donnerstag, 11. September:
Heute wollen wir hoch hinaus. San Marino, die älteste bestehende Republik der Welt, ist schon von Weitem zu sehen. Oben auf dem Monte Titano ragen einige ziemlich alte Türme von drei Burgen hervor. San Marino gehört, gemessen am nominalen BIP pro Kopf, zu den reichsten Ländern der Welt, hat keine Staatsschulden und eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten der Welt. Den Autos hier sieht man den Wohlstand aber nicht an, die sind hier genauso klein und verbeult wie im umgebenden Italien. Am Ortseingang werden Touristen in Autos weiter zum Abbiegen gewunken, wir dagegen dürfen hochfahren und den Ausblick vom Felsen hinter dem Kursaal genießen.

Weiter geht’s nach Norden über die in Auflösung befindliche SP76. Wir müssen eine Umleitung fahren, die vermutlich genauso in Auflösung befindlich ist wie die ursprünglich geplante Strecke. Hier ist aber guter Handyempfang. In Galeata gönnen wir uns auf die Schnelle ne Kelle Tagliatelle. Noch ein Stück weiter, über den Passo Della Peschiera und den Passo dell’eremo, dann kommen wir an eine Stelle, an der die Straßenauflösung bereits abgeschlossen ist. Da wir kein Material dabeihaben, um eine Rampe aufbauen zu können und die fehlende Straße zu überspringen, müssen wir umkehren und finden dafür eine wunderschöne panoramische Balkonstraße.

Das Kurhotel, in dem wir heute absteigen liegt mitten in einem Park. Es strahlt noch die Eleganz der Vergangenheit aus. Die Fahrt im Fahrstuhl ersetzt den Gang ins Museum, doch die Zimmer sind ganz gemütlich.

Am am Abendessen werde ich mich heute Abend aber eher nicht beteiligen, die Ration aus der Mittagspause war mehr als ausreichend für mich heute. Ein Rundgang durch das Anwesen und den Park ergibt, dass wir hier die jüngsten Gäste sind. So gibt es statt einem dreilagigen Menu ein dreiminütiges Gelage.
Freitag, 12. September:
Die Rentner in dem Kurhotel haben gestern Abend noch gefeiert, als gäb‘s kein Morgen. Heute Morgen sitzen die aber alle schon wieder topfit im weißen Bademantel beim Frühstück. Wahrscheinlich legen die sich gleich wieder ins benachbarte Thermalbad. Wir satteln auf und fahren weiter durch die grünen Hügel der Emilia Romagna.
Am Passo Della Raticosa, der hiesigen Version der Löwensteiner Platte, trinken wir einen Kaffee und ich stelle fest, dass mein Aufkleber, den ich letztes Jahr appliziert habe, immer noch auf dem für Aufkleber vorgesehenen Schild klebt.

Zum Mittagessen nehmen wir auf einer Balkonterrasse Platz. Das Tagesmenu ist vorzüglich und gibt Energie für die Achterbahn, die vor uns liegt und die wir ausgiebig genießen.
Am Passo Del Cerreto kehren wir zur Nachtruhe ein. Hier sind deutlich weniger feiernde Rentner als gestern Abend im Kurhotel. Hier oben ist es eher einsam. Die Wolken drücken über den Pass. Endlich dürfen wir wieder mal einen Pullover anziehen.

Samstag, 13. September:
Die Abreise verzögert sich zwar etwas, weil mein Moped erstmal aus der Garage befreit werden muss, aber nach einem guten italienischen Frühstück rollen wir Richtung Meer. Das Navi zeigt uns den Weg, doch den italienischen Straßen darf man nicht trauen. Guido gleicht aus. Beim Essen kriegt er den Sitzplatz mit der guten Aussicht. Beim Reingehen ins Restaurant haben wir leider die Schilder mit den Michelinschildern übersehen. So bekommen wir sehr übersichtliche Portionen zum stolzen Preis. Gut, dass ich noch ein paar Kekse im Gepäck habe.

Guido und ich sind beide Zeugen Gavias, aber heute entdecken wir unseren neuen Lieblingspass: Es ist der Passo De Centocroci, und hier besonders die Südrampe. Frisch asphaltiert, die richtige Breite, schöne Radien, und die umgebende Landschaft sind ein Traum. Hier kommen wir von Ligurien ins Piemont und außerdem in die Wolken.
Am Monte Penna hängen die Wolken tief. Also weiter Richtung Bobbio durch die wunderschöne Trebbiaschlucht. Bobbio ist schön gelegen, gar nicht mal so klein, aber es ist inzwischen Nachsaison geworden und die Hotels entweder besetzt oder geschlossen. Also muss die Übernachtung anderwärts erfolgen. Wir finden aber eine bessere Alternative. Zwar 45km Achterbahn und einen Pimmelpass weiter, doch wenn in der Nachbarschaft ein planetarisches Observatorium und eine Abflugstelle für Paraglider ist, kann man sich schon mal auf den nächtlichen Sternenhimmel und einen schönen Ausblick vom Balkon freuen.

Sonntag, 14. September:
Das wird eine Überbrückungsetappe heute. Wir fahren vom Berg hinunter, in die endlose Po-Ebene, die wir auf gradem Wege Richtung Fenestrelle durchqueren müssen. Motorradfahrerisch ist der Name Programm, das ist echt für’n Arxxx. Nach knapp 3 Stunden kommen wieder Berge in Sicht. Wie eine Fata Morgana erscheinen sie durch den Dunst am Horizont. Doch je näher wir kommen, desto grüner ragen die Berge vor uns auf. Und schon sind wir mitten im Chisonetal, die Berge rechts und links stehen Spalier, als wir rechts zur Via Colle Finestre abbiegen. In engen Kehren geht der schmale Weg steil bergauf. Vom langen geradeausfahren bin ich noch etwas eingerostet. Erst nach einer kurzen Pause hinter dem ehemaligen Sanatorium Prácatinat (wirkt wie eine Mischung aus „Lost Place“ und Drehort für „The Shining“, hier werde ich ein anderes Mal übernachten) kommt der Flow zurück.

Wir schottern bis runter nach Susa und genehmigen uns ein ausgiebiges Mittagessen im einzigen Restaurant, das nicht geschlossen ist.

Am Lac De Mont Cenis waren wir ja schon vor zwei Wochen. Heute sehen wir aber zur Abwechslung auch mal etwas davon. Es ist nicht nur wegen der schönen Aussicht eine gute Idee, hier anzuhalten. Denn bei so einem Stopp kann man auch, so wie Guido heute, feststellen, dass das Gepäck zwar wasserdicht, aber nicht hitzebeständig ist. Zumindest nicht so sehr, dass man es direkt vor den Auspuch (sic!) hängen könnte. Die Schlüssel sind nur nicht aus der Tasche gefallen, weil sie sich fest mit dem Plastik der Tasche verschmolzen haben. Naja, dafür hat der erfahrene Motorradreisende ja Panzertape dabei.
Nun ist es nur noch ein Katzenwurf nach Val-Cenis, wo wir einkehren.
Montag, 15. September:
Mein eigentlich schönes Zimmer kann ich leider nur begrenzt genießen: Die österreichische Motorradreisegruppe „Betreutes Fahren auf der Grand Routes Alpe“ hat gestern Abend noch in der Bar, die sich dummerweise genau unter meinem Zimmer befindet, singen und klatschen geübt. Heute Morgen sind die damit lautstark beschäftigt, die Motorräder aus der Garage zu fahren. Diese befindet sich unter der Bar und damit bin ich von der Reisegruppengeräuschentwicklung ebenso betroffen wie gestern Abend.
Wir fahren auch los, heute nur mit Kaffee, aber ohne Frühstück. Da das Wetter recht schön ist, haben wir uns einige schöne Etappenziele ausgesucht. Zum Frühstück befahren wir die Lacets De Montvernier, die sind einfach zu schön, um vorbeizufahren. Hier gibt es eine kleine Stärkung, dann geht es weiter über den Col De La Madeleine, an dem heute viele Besucher trotz aufziehender grauer Wolken ein Foto machen wollen. Die Cormet d’Arêches ist dagegen weniger befahren. Das liegt vermutlich daran, dass dieser Weg weniger bekannt und im oberen Teil auch nur grob befestigt ist. Die Anfahrt nach oben ist allerdings ein Traum aus Wald, Fels, Kuhfladen und Wasserfall.

Der Col de l’Arpettaz ist mein Lieblingsspass. Jaaa, ich weiß, was ich über den Passo De Centocroci gesagt habe. Die Auffahrt auf der Südrampe wärmt uns mit den engen Kehren im Wald schön auf, jetzt sind wir bereit für die balkonische Panoramastraße Route Des Montagnes.

Von der Orientierungstafel Les Stallets hat man oft einen sehr schönen Blick auf den Montblanc. Heute versteckt der sich aber leider in den Wolken. Schade.

Am Col des Aravis betreten wir wieder festen Boden. Bei einem Kaffee suchen wir uns ein Zimmer in der Nähe von Genf und fahren dann ohne lange Umschweife dorthin. 15 Minuten nach der Ankunft kommt das Gewitter herunter, dem wir seit dem Col De Madeleine enteilt sind. Das war mal wieder ein Top Timing!
Dienstag, 16. September:
Um die im März gemachte erneute Bekanntschaft mit dem chaotischen Verkehr in Genf zu verhindern, gibt es eine einfache Lösung: Man umfährt den Moloch auf den umgebenden hügeligen Wegen. Am Mont Salève hat man eine atemberaubende Aussicht über Genf und den Genfer See.

Aber auf der Höhenstraße muss ich anhalten und mir noch einen Pullover anziehen. Es ist inzwischen Herbst geworden. Das merken wir kurze Zeit später auf der anderen Seeseite. Denn der Weg über Confort und Pontarlier führt uns fast durchgängig auf 1000m Meereshöhe zurück in Richtung Heimat. In Saint-Claude essen wir zu Mittag. Der sehr langsame und etwas ungeschickte Kellner verteilt mein halbes Mittagessen auf meiner Hose, als er es zu servieren versucht. Tja, Kollege Schnürschuh, da fällt das Trinkgeld heute eben etwas geringer aus.
Auf dem Weg ins Hotel bei Montbeliard, es wird das letzte Hotel dieser Reise sein, haben wir aber noch einen Balkon im Programm, den wir besuchen wollen: Den Idiotenfelsen (Roche Moron). Der Name geht darauf zurück, dass es dort ein Restaurant gibt, das aber nie geöffnet ist. Daher fahren alle Idioten dorthin zu dem „Restaurant“ am Felsen, und vor Ort gucken alle dumm aus der Wäsche, wenn sie vor verschlossenen Türen stehen. Als Wiedergutmachung findet man dort aber einen Aussichtsbalkon, der wirklich spektakulär ist und seinesgleichen sucht.

Mittwoch, 17. September:
Der Endspurt führt durchs Elsass auf die Autobahn. Nach 5400 Kilometern habe ich den heimatlichen Balkon wieder erreicht. 21 Tage waren wir unterwegs und haben viele Balkone gesehen, viel und gut gegessen und den Campo Imperatore erlebt. Ich kann wirklich sagen: Balkonien ist ein perfektes Reiseziel!
Und hier waren wir:
Hallole.
Wie immer lese ich Deine Reiseberichte mit schmunzelnder Freude. Du hast einen Schreibstil, der mir gut gefällt.
Auch das Video ist nett anzuschauen, leider ist die „Musik“ darunter eine Katastrophe. Zwar sind Geschmäcker verschieden, aber in dem Fall ist es extremst übersteuert, verzerrt und scheppernd. Da hilft auch mein JBL bluetooth soundsystem nicht weiter. Das möchte man gerne ausblenden, aber dann könnte man gesprochene Kommentare verpassen. Die sind korrekt ausgesteuert.
Weshalb ich hier aufgefordert werde, den Blog zu abonnieren, obwohl ich den schon eine Ewigkeit abonniert habe, weiß ich auch nicht.
Grüße aus dem Schwarzwald
Stefan
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Moin Stefan,
vielen Dank für die netten Worte und den Hinweis auf den Sound.
Ich weiß es noch nicht genau, aber ich habe den Verdacht, dass ältere Computer mit dem Dolby Sound des Videos nicht zurechtkommen, den Vimeo aus dem hdr macht. Ich habe denselben Effekt beobachtet, wenn ich das Video auf einem älteren iPad wiedergebe. Am iPhone oder neueren PCs ist der Sound glockenklar.
Vielen Dank fürs Mitfahren, wir sind ja noch länger unterwegs…
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