Taralli. Die leckeren kleinen Knabberkringel haben wir vor einigen Jahren mal bei Freunden in der Schweiz gegessen.
Wir haben immer einen kleinen Vorrat zu Hause. Noch an Silvester haben wir einige Tüten aus Italien mitgebracht. Doch leider geht dieser Vorrat zur Neige.
Blöd ist, dass die leckeren Kringel leider nicht im normalen Supermarkt in Deutschland zu bekommen sind. Aber kein Problem: Letztes Jahr hatten wir ein paar Tüten in einem Supermarkt im Elsass gekauft, ich glaube, es war ein SuperU. Also erlege ich mir selbst die Pflicht auf, den Tarallivorrat wieder zu befüllen.
Es ist Samstag, 5:30. Die Pflicht ruft!
Die Adresse des SuperU in Seltz ist im Navigationsgerät als Ziel festgelegt. Zum Eingrooven scramble ich durch den Nordschwarzwald nach Osten. Allerdings nicht, ohne einige schöne Kurven meiner Hausstrecke zu befahren.
Hinter Bad Herrenalb fahre ich rechts im Wald auf einen Stichweg, kurze Pause machen. Der Weg ist leicht ansteigend. Statt in den ersten Gang zu schalten bleibe ich im neutralen Gang hängen. Und noch was Anderes bleibt hängen: mein rechter Stiefel an der Fußraste. Im Stand kippt der Scrambler unter mir nach rechts um. Ich kann das Gewicht noch einigermaßen abfangen und lege das Motorrad vorsichtig, aber rückenschädigend in den Schotter.

Bei Walprechtsweier komme ich in die Rheinebene. Die ist unter motorradfahrerischen Gesichtspunkten todlangweilig und sollte daher zügig durchquert werden. Um doch etwas Abwechslung reinzubekommen nehme ich nicht die Brücke, sondern die Rheinfähre Plittersdorf-Seltz. Das entspannt, kostet nichts und wenn man wie ich auf dem Motorrad unterwegs ist, dann hat man auch kaum Wartezeit.
Pünktlich um 9 betrete ich in Seltz den riesigen Supermarkt names Super U.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und Ordnung ist das halbe Leben, heißt es. Nun, in französischen Supermärkten hat man hiervon noch nichts gehört. Hier ist kein Supermarkt so strukturiert wie der andere. Diese französischen Supermärkte sind so angeordnet, dass man sich möglichst lange darin aufhält. Mal ist das Obst vorne, mal hinten. Mal sind die Getränke rechts, dann wieder links. Wenn es eine separate Fischabteilung gibt, dann ist die Weinabteilung gegenüber, hinter den Regalen mit den Bio-Produkten, neben den glutenfreien Keksen. Andere Kekse sind dann noch wahlweise an der Kasse, in der Promoabteilung oder an den Stirnseiten der Regale. So wird es einem schwer gemacht, dass man einfach findet, was man sucht, weil man weiß, wo man es erwarten kann.
Also wo sind hier die Taralli? 10 Minuten lang versuche ich es ohne Hilfe, leider vergebens. Alles mögliche Knabberzeugs ist da, aber nicht das fenschelhaltige Objekt der Begierde. Ich frage die freundliche Mitarbeiterin: „Pardon Madame, avez vous Taralli?“ Sie schaut mich an, als hätte ich gefragt, ob Sie eine peinliche Krankheit hätte. Von Taralli hat sie noch nie gehört. Ich zeige ihr ein Photo einer Tarallitüte und ihr Gesicht hellt sich auf. Sie bedeutet mir, ihr zu folgen und und führt mich zu einer versteckten Ecke mit „produit italienne“. Doch leider sind keine Taralli dabei.
Was nun? Ich kaufe immerhin noch eine Flasche elsässisches Wasser und etwas französisches Gebäck aus der überbordenden Brotabteilung.
Der Tag ist noch jung und die Sonne wird heute spät untergehen. Somit habe ich viel Zeit und kann in anderen Supermärkten nach den italienischen Knabberein suchen. Also weiter nach Osten. Dorthin, wo sich die Hügel der Vogesen hinter den Weinreben erheben.

Ich genieße die fröhliche Fahrt durch den noch kühlen Wald. An jedem größeren Supermarkt halte ich an, schnappe mir Helm und Tasche und irre durch die Regalreihen. Intermarché, LeClerc, Colruyt, SuperU…. leider ohne Erfolg. Taralli: Gibts nicht. Kennen die nicht. Haben sie hier nie gehört oder gesehen. Zum Ausgleich wird zweimal an der Kasse von mir verlangt, dass ich meine Tasche zur Kontrolle vorzeige. Naja.
So treibt mich die Tarallisuche bis nach Colmar. Es ist inzwischen spät geworden. Und bis nach Hause muss ich ja heute Abend auch noch kommen. Also durchquere ich auf kürzestem Weg den Schwarzwald. In der Dunkelheit sind wieder mehr Insekten unterwegs. Bevor ich bei Empfingen auf die Autobahn fahre, entferne ich den Fliegenfriedhof von Helm und Jacke. Jetzt noch der Endspurt nach Hause. Um 23:15 stelle ich die Triumph in der Garage ab, leider ohne Taralli, dafür aber mit etwas Rückenweh. Das nächste Mal versuche ich woanders mein Glück. Irgendwo werde ich diese Taralli finden. Ganz bestimmt!