Asshole Club – Zum Karten spielen nach Edinburgh

Das Erasmus-Programm der Europäischen Union ist eine großartige Sache. Seit den 90er Jahren wurde das nach Erasmus von Rotterdam benannte Förderprogramm zum weltweit größten Förderprogramm von Auslandsaufenthalten an Universitäten. Es hat in Europa viel zur Verständigung und Freundschaft in Europa beigetragen.

Ich war als Stipendiat auch dabei, und zwar vor über 30 Jahren in Kingston, Greater London. Hört sich toll und wichtig an. Doch wenn ich mich so zurückerinnere, haben wir statt zu studieren überwiegend in der Student´s Guild nicht nur Cider getrunken, sondern auch Darts und Karten gespielt. Unser bevorzugtes Kartenspiel hieß Asshole. Ein Kartenspiel mit recht einfachen Regeln, aber einer wunderbaren Dynamik im Spiel.

Seit Jahren treffen wir uns alle 2 Jahre für ein Wochenende in einer anderen europäischen Stadt, um den neuen Präsidenten unseres Asshole-Clubs auszuspielen. Normalerweise sind wir in Dänemark, Deutschland und der Schweiz zuhause. Wir, das sind Christoph, Jens, Jörg, Klaus, Søren und ich. Seit dem letzten Treffen in Berlin bin ich der amtierende Präsident. Somit durfte ich entscheiden, wo wir uns dieses Jahr treffen. In Edinburgh war ich lange nicht, daher fiel die Wahl leicht.

Und weil Moped fahren glücklicher macht als fliegen, reise ich auf zwei Rädern an. Hier soll es lang gehen:

Samstag, 7.9.2024
Kommendes Wochenende muss ich also in Edinburgh sein.

Pünktlich um 9:00 Uhr starte ich den Motor. Bis Karlsruhe nehme ich die Autobahn, dann geht es durch die nördlichen Ausläufer der Vogesen Richtung Westen.

Bahnhof und Zitadelle von Bitche

So richtig im Urlaubsmodus bin ich noch nicht. Die Strecke ist wenig bergig und auch die so geliebten Kurven sind hier kaum anzutreffen. Erst hinter Metz, in den belgischen Ardennen werden die Landschaft und die Strecke interessanter und halten für die Roadside Kaffeepause sogar auch mal eine schöne Aussicht bereit. Und so langsam kommt auch etwas Urlaubsstimmung auf.

Panorama bei Chassepierre

In Bouillon riecht es nicht nach Suppe, sondern nach Döner und aufziehendem Regen. Ich suche mir ein Zimmer in Charleville-Mézières, wieder in Frankreich, aber nahe der belgischen Grenze. Heute bin ich schon richtig weit gekommen, morgen kann ich es ganz entspannt angehen und vielleicht, wenn es das Wetter erlaubt, die Füße in Calais in den Ärmelkanal stellen.

Sonntag, 8.9.2024
Das Gewitter gestern Abend hat den Staub von den Straßen gespült. Als ich losfahre, ziehen Nebelschwaden durch den Ardennenwald. Die Sonne versucht ihr Möglichstes, sie zu vertreiben. Doch Wolken ziehen auf. Ein starker Wind bläst sie mir entgegen. Es ist, als sei es über Nacht Herbst geworden. Doch es bleibt bis 50km vor Calais trocken.

Weites Land

Die Gegend ist überwiegend flach, die Straße führt überwiegend geradeaus. So komme ich gut voran. Immer wieder komme ich an Soldatenfriedhöfen vorbei. Hier liegen hunderte Soldaten des Commonwealth, die im ersten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpften, die diesen Landstrich besetzt hatten. Gut, dass inzwischen wenigstens in diesen Teil Europas Frieden eingezogen ist. Die Rolle der Europäischen Gemeinschaft als Friedensprojekt kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Als ich gegen 15:30 in Calais ankomme, öffnet der Himmel seine Pforten und sintflutartiger Regen fällt aus dicken grauen Wolken auf die bekannte Hafenstadt. Bei dem Wetter vergeht mir die Lust, den Strand oder das sehenswerte Rathaus mit seinem imposanten Glockenturm anzuschauen. Ich gehe noch essen, dann lege ich mich ins Hotel. Morgen früh wird mich der Zug durch den Tunnel auf die Insel zu den Linksfahrern bringen.

Montag, 8.9.2024
Die Nacht wurde erholsam, nachdem ich die 2 kurzen Einzelbetten um 00:30 Uhr weiter zusammengeschoben hatte, so dass ich quer liegen konnte. Pünktlich um 6:35 werde ich wach. Jetzt bin ich mal am Zug! Beim Einchecken am Bahnhof werde ich gefragt, ob ich ohne Aufpreis gleich den nächsten Zug nehmen möchte. Ja klar, ich habe keine Zeit zu verschwenden. Ich muss zwar warten, bis alle anderen an Bord sind, da Motorräder ganz hinten stehen müssen, aber es regnet nicht und so kann ich mich noch etwas umsehen.

Das Abteil habe ich ganz für mich alleine.

Die Überfahrt dauert kurze 35 Minuten. Grade Zeit genug, um den Linksfahrererinnerungspfeil zu basteln und eine Waffel zu essen.

In Folkestone schüttet es wie aus Eimern. Daher biege ich rechts ab und sehe mir die weißen Klippen von Dover an.

Es klart auf über Dover

Ich nehme die Autobahn und übe das Linksfahren auf geordneter Strecke. Bei Brentwood biege ich auf Straßen geringerer Ordnung ab. Die vorher ausgetüftelte Strecke ist abwechslungsreich und führt auf kleinen Straßen durch hübsche Orte wie Finchingfield und Bury St Edmunds sowie den Thetford Forest.

Regenpause

In Brandon mache ich eine Mittagspause und bei Boston hört der Nieselregen auf. Da rechts sind blaue Flecken am Himmel zu sehen. Ich bin heute ziemlich weit gekommen. So beschließe ich, von der geplanten Strecke abzubiegen und mir die Nordsee an der Ostküste anzusehen.

Strandidylle

Skegness ist ein beliebtes Touristenziel. Der Name des Ortes klingt für mich, als wäre Ragnar Lodbrok hier an Land gegangen, um hier eine Wikingersiedlung zu gründen. Heute befindet sich hier ein Strand mit Top Aussicht auf Windräder, die einen Urlaub mit umweltfreundlichem Strom versprechen, riesige Caravan Resorts und ein etwas in die Jahre gekommener Freizeitpark mit Achterbahn. Etwas nördlich checke ich in ein kleines Gasthaus mit Pub in Mablethorpe ein. 60 Pfund zahle ich für ein recht großes Zimmer. Jetzt noch ein Pint…Top!

Dienstag 10.9.2024
Heute um 11:00 habe ich ein Zoom Meeting, daher schlafe ich lange, esse dann braunes englisches Frühstück und starte den fliegenden Teppich erst um zwölf. Frei nach Dietmar Wischmeyer denke ich: „Das, was zivilisierte Völker unter einem Frühstück verstehen gibt’s in England überhaupt nicht!“. Er hatte es zwar auf Frauen bezogen, aber für Frühstück gilt diese Weisheit wohl auch.

Das Wetter ist kalt und ungemütlich. Regen und Wind wechseln sich ab. Hoffentlich bleibt das nicht so.

Der Humber ist kein Fluss, sondern ein 62 Kilometer langes Ästuar, das den Gezeiten unterworfen ist. Es entsteht durch die Vereinigung der Flüsse Ouse und Trent und nimmt auf dem Weg zur Nordsee noch weitere Zuflüsse auf.

Die Fahrt auf der fast 1,5 Kilometer langen Humberbrücke ist für Motoräder gratis, das finde ich erfreulich. Auf der nördlichen Seite scheint die Sonne, das finde ich noch erfreulicher.

Humber Bridge

Inzwischen scheint die Sonne, doch es weht weiterhin ein heftiger Wind, als ich die Moore von North Yorkshire erreiche. Hier ist plötzlich eine ganz andere Landschaft als noch vor 10 Minuten.

The Hole of Horcum

Etwas weiter nördlich befindet sich rechts von der Straße von Weitem erkennbar die Fylingdales RAF Installation, eine von fünf Einrichtungen der NATO zur Früherkennung ballistischer Raketen. Gut, dass das Ding hier steht, so fühle ich mich sicher und biege links ab Richtung Goathland.

Der River Esk hat hier eine tiefe Schneise in die Landschaft gezogen. Einige Wege dürfen mit ihren 25% Steigung gerne in meine Sammlung steiler Straßen. Am unteren Ende führt eine Furt durch den Esk. Ich sehe mir die Sache zu Fuß genauer an und entscheide mich letztendlich dagegen, hier durch zu fahren: Das Wasser fließt recht schnell und ist etwa 30cm tief, die Steine sind ausgewaschen und rutschig. Es ist schon nach 17:00 Uhr und ich bin allein unterwegs…heute habe ich keine Lust mehr auf Risiko.

Ford

In der Ferne kommt die Kleinstadt Whitby in Sicht, in der eine für viele Menschen in Europa wichtige Entscheidung getroffen wurde, nämlich wann Ostern ist! Hier fand im Jahr 664 die Synode von Whitby statt, die unter anderem die Berechnung des christlichen Osterdatums festlegte, nach der Ostern als beweglicher Feiertag immer auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang am 21. März fällt.

Whitby

Außerdem diente die kleine Stadt als Inspiration und Kulisse für Bram Stokers Meisterwerk Dracula, das 1897 veröffentlicht wurde: Bei seiner Reise nach England landete Graf Dracula mit seinem Schiff in Whitby. Ich sehe mir noch den Hafen an, doch die von den Dänen zerstörte Whitby Abbey oberhalb der Stadt sehe ich nur aus der Ferne, denn ich habe noch keine Unterkunft für die Nacht und Hunger habe ich auch.

Doch Whitby ist mir zu voll und ich habe Sorge, mein Motorrad hier länger unbeaufsichtigt über Nacht stehen zu haben. Daher buche ich mir ein Zimmer in Skinningrove und auf der etwa 25km langen Fahrt finde ich sogar noch einen erstklassigen Fish&Chips Laden. Die freundliche Dame hinter dem Tresen findet es lustig, dass ich meine eigene Tube Mayonnaise mitgebracht habe. Mein alter französischer Kollege Bertrand sagte mal zu mir mit seinem liebenswerten französischen Akzent: „Remember, Fish&Chips is the MASTERPIECE of British Cuisine!“ Recht hat er! Doch Essig auf Pommes werde ich nie verstehen.

Whitby Beach

Mittwoch, 11.9.2024
Heute beginnt der Tag mit einem ausgesprochen guten Frühstück in friedlicher Atmosphäre. Ich bin trotz der frühen Stunde nicht der erste Gast im gemütlichen Frühstücksraum. Die etwa 80 jährige Margaret ist auch da. Sie ist hier um die Landschaft, die Luft und die Ruhe zu genießen. Die Wirtin macht für jeden hier ein Frühstück nach Wunsch und ich entscheide mich für buntes Essen. Am Schluss kriegt jeder noch einen Muffin frisch aus dem Ofen. Margaret möchte keinen, also kriege ich zwei. Danke Marge!

Enjoy!

Nun heißt es: Pferde satteln, weiterreiten. In Saltburn ist schon mein nächster Stop, denn von hier geht es wieder ins Landesinnere. So genieße ich die Sonne und die Aussicht hier noch, bis mir der Wind zu kalt wird.

Saltburn-by-the-Sea

Ich umfahre Middlesbrough und bei Barnard Castle schlage ich wieder eine nördliche Richtung ein. Ich komme durch die North Pennines National Landscape. Das Wetter schlägt wieder Kapriolen. Innerhalb von zehn Minuten erlebe ich strahlenden Sonnenschein, Nieselregen und einen Hagelschauer. Die Landschaft um mich herum ist weitläufig und in beruhigenden Farben gehalten.

Regenbogenwetter 🌈

In Westgate stehe ich wie gestern vor einer Furt. Diese hier ist kürzer und flacher, außerdem habe ich heute besser gefrühstückt. Ohne Probleme und mit jetzt sauberen Felgen rolle ich an die nächste Tankstelle.

Ich statte zunächst noch Hadrian‘s Wall einen Besuch ab, fahre am Kielder Water vorbei, um letztlich nach Schottland einzureisen. Die Nacht verbringe ich in Hawick. Hier gibt es viele Restaurants für einen Ort dieser Größe. Doch im Restaurant zu essen ist hier anscheinend aus der Mode gekommen: Alle verkaufen ihre Speisen nur zum Mitnehmen. Tehkoweh. Fast alle: Dominos Pizza hat 4 Barstühle und einen Tisch.

Donnerstag 12.9.2024
Nach einer sehr erholsamen Nacht für mein Motorrad und mich kommen wir beide nur schwer in die Gänge. Das gilt für mich, aber noch mehr für die GS: Sie will nicht recht anspringen und läuft dann sehr unrund. Nur mit viel Gas kann ich den Motor am Leben halten. Gut, dass ich im Navi die Adressen aller BMW Motorrad Händler gespeichert habe. Der nächste ist nur 52 Kilometer entfernt.

Die Opfer des eigenen Erfolgs

Doch vor Ort angekommen stellt sich heraus, dass Fachkräftemangel, großer Verkaufserfolg von BMW Motorrädern und Wartungsintensität der modernen Fahrzeuge eine unheilige Allianz bilden: Spontan darf eine BMW nicht kaputt gehen, denn die Wartezeit für einen Werkstatttermin beträgt einige Wochen. Der supernette Sales Advisor Andrew hat aber einen pragmatischen Vorschlag. Er telefoniert kurz und organisiert mir einen Termin in 2 Stunden in einer freien Werkstatt in der Nähe. Dazu gibt es noch einen Kaffee und ein Pläuschen….ja, bei Andrew würde ich einen Gebrauchtwagen kaufen.

Die Übeltäter

4 Stunden später rolle ich wieder. Graham hat ganze Arbeit geleistet, schnell und zum fairen Preis. Jetzt auf direktem Wege zum heute Früh gebuchten Hotel.

Idylle am Duke‘s Pass

Zum Feierabend fahre ich noch ein paar Kurven über den Duke’s Pass, dann habe ich fertig.

Feierabend!

Freitag, 13.9.2024
Während englisches Essen oftmals recht fad daherkommt, sind im Gegensatz dazu die Hotelpreise in Edinburgh gesalzen und gepfeffert. Ein Hotel mit Tiefgaragenplatz war schon Monate vorher nicht zu einem akzeptablen Preis zu finden. 900 Euro für zwei Nächte ist mir als Exilschwabe einfach zu teuer. Doch ein sicherer Abstellplatz für meine schwarze Perle ist ein MUSS in dieser Hochburg des Motorraddiebstahls, denn ich möchte nicht gerne mit dem Zug heimfahren müssen wie schon viele andere. Also habe ich umgekehrt gesucht: Erst habe ich eine bewachte zentral gelegene Parkgarage mit kleiner Zufahrt gesucht und gefunden. Diese videoüberwachte Garage hat bei Autofahrern sehr schlechte Bewertungen, weil man mit nem großen Auto kaum reinkommt und es in der Garage auch noch sehr eng zugeht, außerdem muss man vorab buchen und bekommt einen besonderen PIN für den Zugang. Damit ist sie perfekt für meine Zwecke. Ein ordentliches Hotel in der Nähe der Garage zu finden war nicht mehr ganz so schwierig. Der Garagenplatz ist aber erst ab 15:00 frei. Bevor ich also in die Garage in Edinburgh kann, schaue ich mir die einmalig schöne Gegend am Loch Lomond an.

Haus am See

Um 15:05 Uhr hat alles geklappt. Noch nen Kaffee hier, dann in die Garage, ins Hotel und dann direkt ins Pub. Die Gang ist wieder zusammen, nur Søren musste kurzfristig absagen.

Jetzt ist das hier und Sonntag sehe ich hoffentlich mein Motorrad wieder …

Samstag 14.9.2024, 23:30

Edinburgh Castle

Nach einer Whisky Verkostung, einem touristischen Stadtbummel und 98 Runden Karten spielen steht fest: Ich bin innerhalb von 1,5 Tagen vom Präsidenten zum Arschloch abgestiegen, wenn auch nur knapp. Schade. Dafür hat Klausi Mausi voll abgeräumt. Dies Spiel ist ein bisschen wie das richtige Leben. Es kommt darauf an, wie die Karten verteilt sind, neben wem Du sitzt, ein kleiner Fehler kann leicht den weiteren Verlauf des Spiels beeinflussen und man kann sich zwar hochkämpfen und wenn es gut läuft, kommt noch etwas Gutes dazu, doch der Absturz ist immer in Sichtweite. Die meisten Spieler sind aber weder Arschloch noch Präsident, sondern glücklich irgendwo dazwischen.

Das nächste Mal in 2 Jahren treffen wir uns wieder auf einer Insel. Entweder auf Fanø oder Mallorca, das darf Søren entscheiden, der dieses Wochenende leider nicht aus Kopenhagen raus konnte.

Sonntag 15.9.2024
Gegen 11:00 Uhr steige ich wieder auf mein Motorrad, das noch genau so da steht, wie ich es am Freitag verlassen hatte.

Vorbei am Pentland Hills Nationalpark mit seinem Skigebiet, dem Talla Reservoir und dem Aldi Markt von Carlisle fahre ich südwärts und halte auf den Lake District zu.

Lake District, am Honister Pass

Für die Nacht suche ich mir eine Unterkunft am Meer: Bei Whitehaven gibt’s einen Premier Inn mit angeschlossenem Pub, bewachtem Parkplatz und bequemem Bett für 60 Pfund. Essen, telefonieren, schlafen.

Montag, 15.9.2024
Alle geographischen Punkte über 3000 Fuß (914,4 m) in England liegen im nur 40 x 50 Kilometer großen Lake District. An der nördlichen Grenze zu den südwestlichen Hügeln liegen die Pässe Hardknott und Wrynose. Ich packe die beiden in meine Sammlung steiler Straßen. Mit 30% Steigung hat der Hardknott einen Platz hier verdient. Die Straße ist eine der steilsten in England und im Winter oft wegen Eis und Schnee geschlossen und in einem schlechten Zustand. Doch heute scheint die Sonne und ich bringe ausreichend Fahrkünste mit.

Warnung am Hardknott: Steil, schmal, holprig

Nach einer längeren Trinkpause in Ambleside am Windermere komme ich durch den gold-braun geschwungenen Yorkshire Dales National Park. Die Straßen hier sind ebenfalls teilweise steil und sehr schmal, oft rechts und links von Mauern und Hecken begrenzt. Und weil es hier so schön ist, müssen natürlich auch Leute mit Wohnmobilen und anderen großen Autos hier durch fahren. Das ist auch sehr gut möglich, solange niemand entgegenkommt. An manchen Stellen aber spielen sich beim rückwärtsfahren echte Dramen ab. Der Fahrer eines Mercedes Vito tut sich besonders schwer, er hat sich so nah an die Begrenzungsmauer manövriert, dass er sich nun weder vor noch zurück traut. Hier ist nur noch für Motorräder ein Durchkommen.

Die Bahn kommt

Bei Bradford und Huddersfield ist ein enormes Verkehrsaufkommen. Die geplante Strecke ist ein nicht enden wollender Stau und ich komme nur quälend langsam voran. Gleichzeitig entwickelt sich zunehmend ein Gefühl der Eile, was vermutlich damit zu tun hat, dass ich vorhin in Ambleside bei 20 Grad und Sonnenschein einen Liter Wasser getrunken habe. Erst kurz vor 18:00 Uhr finde ich Erlösung und in nur 5km Entfernung auch eine Unterkunft mit angeschlossenem Pub zum guten Preis. Läuft doch!

Dienstag 16.9.2024
Die Sonne zwinkert mir zu: Ich soll aufstehen! Na gut, wenn der Tag so beginnt, dann lohnt es sich. Ich werde heute von der ursprünglich geplanten Route deutlich abweichen und den langen Weg zum Zug zurück auf’s Festland nehmen. Denn ich muss erst am Donnerstag Abend in Folkestone ankommen.

Am Holme Moss Summit auf ca. 500m Höhe wurde zur Krönung von König Wurstfinger Charles III eine Steinplatte aufgestellt. Diese beeinträchtigt die fantastische Aussicht von hier oben zum Glück überhaupt nicht, man kann meilenweit sehen.

Ich komme zum Peak District National Park. Vom Snake Pass sieht man die Skyline von Manchester in der Ferne. Leider muss ich hier umdrehen und einen Umweg nehmen, denn eine Mure blockiert die Straße.

Ich bin immer wieder umgeben von weiten Hügeln mit Wiesen und Feldern, die durch die typischen Steinmauern voneinander getrennt sind.

Am Monsal Head blickt man auf das alte Eisenbahnviadukt, auf dem leider keine Eisenbahn der Midland Railway Line mehr fährt, sondern auf dem heute nur noch Touristen herumlaufen. Die Zugverbindung zwischen London und Manchester bestand hier nur von 1863 bis 1968.

Hier kommt seit 1968 kein Zug mehr

Weiter südwestlich erreiche ich die Shropshire Hills National Landscape. Oberhalb von Church Stretton blicke ich auf die Ebene zurück, die ich in der letzten Stunde durchquert habe. Die Straße von High Park nach Darnford liegt auf 1550 Fuß, das ist für hiesige Verhältnisse sehr hoch. Im Winter liegt hier sogar manchmal Schnee.

Ein Blick in die Vergangenheit

Weiter südlich überquere ich kurz die Grenze nach Wales. Doch so weit nach Westen will ich gar nicht unbedingt fahren. Ich drehe bei und halte auf Oxfordshire und Chipping Norton zu, wo ein indisches Abendessen und ein Bett auf mich warten.

Mittwoch 17.9.2024
Heute werde ich auf Clarkson‘s Farm Frühstücken. Diese ist der Schauplatz einer populären Fernsehserie, die der ehemalige Top Gear Autotester Jeremy Clarkson auf seiner Farm names Diddly Squat gedreht hat.

Der Farmshop öffnet um 9:30. Um 9:07 komme ich auf den bereits relativ vollen Parkplatz. Einer von 2 Parkeinweisern weist mir einen Platz in der ersten Reihe zu. Die Schlange für den Shop ist schon fast 15m lang. Hier ist inzwischen ein regelrechter Touristenzirkus entstanden. Ich unterhalte mich mit anderen Wartenden, während ich beobachte, wie immer mehr Autos auf den Parkplatz fahren und die Warteschlange immer länger wird. Dann bin ich dran und kann ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Dann gibt es noch einen Wurstburger, einen Apfelsaft und ein Beweisphoto:

Früher Vogel

Nun geht’s weiter südwärts.

Am Combe Gibbet hat man einen phantastischen Ausblick über den Norden von Wessex über Hungerford bis zum Ridgeway bei Sparshalt. Dieser abgelegene Kreidehügel ist der kilometerweit der höchste Punkt in den Berkshire Downs. Darum wurde hier auch von Teilen der Royal Army erfolgreich der Sturm auf die Normandie im zweiten Weltkrieg geübt.

In Salisbury kann ich die weltberühmte Kathedrale mit ihrem 123m hoch herausragendendem Kirchturm nur aus der Ferne betrachten, die mittelalterliche Innenstadt (Der „Close“) ist wie der Name schon sagt für mich geschlossen, denn Parkhäuser möchte ich nicht befahren.

Schon bald reisst der Himmel auf und das Thermometer klettert auf 25 Grad. Der Wechsel ins Sommeroutfit geht schnell vonstatten, und so komme ich bestens gelaunt ans Meer, wo ich auf meinem Motorrad die Wellen, das Meer und die in der Ferne liegende Isle of Wight betrachte.

Bis zum Meer

Ich nehme mir kurzerhand ein Zimmer am Strand und strecke die Füße nochmal ins Wasser. Hier fällt mir auf: Viele Engländer leben ja in Doppelhäusern oder in Reihenhäusern. Damit sie sich am Strand nicht allzu sehr umstellen müssen, ist die englische Variante des Strandkorbs natürlich auch in Reihenhausbauweise ausgeführt. Sehr hübsch!

Englische Strandkörbe

Donnerstag 18.9.2024
Am Meer entlang nach Osten. Das ist das Motto des heutigen Tages. Die Sonne scheint und mir scheint, dass es heute so bleibt.

Die Südküste Englands ist das Pendant zur französischen Cote D‘Azur, nur eben die englische Version und weniger belebt. Es reihen sich Ferienorte und Sommersitze aneinander. Augenscheinlich weniger elegant, aber vermutlich genauso teuer.

In Worthing mache ich erstmal einen kleinen Mittagsschlaf am Strand. Die Sonne ist herrlich warm, das ist sehr erholsam nach der Kälte in der letzten Woche. Ich werde von einem Hüngerchen geweckt. Im Zentrum von Worthington bestelle ich das Unvermeidliche. Das „Masterpiece of british Cuisine“ ist genau die richtige Wahl, um sich damit von der englischen Kulinarik zu verabschieden, denn morgen Mittag bin ich wieder in Frankreich oder Belgien, da brauche ich nicht meine eigene Mayonnaise mitzubringen.

Masterpiece

In Brighton stehen im Wasser noch die stimmungsvollen Überreste einer eins belebten Pier aus dem 19. Jahrhundert im Wasser, die bei einem Feuer im Jahr 2003 zerstört wurde. Direkt daneben überragt das British Airways i360 die Stadt und die gesamte Küste. Da oben kann man bei einem vermutlich grandiosen Ausblick einen teuren Cocktail schlürfen.

Brighton

Immer weiter heimwärts entlang der Küste geht die Fahrt. In Peacehaven überquere ich den NULL Meridian, für den es hier ein Memorial gibt.

Der NULL Meridian ist überschritten

Nun heißt es Endspurt zum lange gebuchten Hotel nahe dem Eurotunnel. Morgen früh fährt der schon genau so lange gebuchte Zug unter dem Wasser durch zurück auf den Kontinent.

Freitag 19.9.2024
Heimreise. Heute bin ich nicht der einzige Motorradfahrer im Zug. Aber ich bin derjenige, der heute durchzieht und in einem Rutsch bis nach Hause fährt.

Um 19:45 stehe ich vor der Haustür. Hinter mir liegt eine spannende, schöne, unterhaltsame Reise durch Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien und Großbritannien. Schade, dass GB nicht mehr zur Europäischen Union gehört, so entgeht den englischen Studenten die Chance für einen Austausch und solche Verbindungen, wie sie bei uns jetzt seit Jahren bestehen. Wenn man nicht mitspielt, dann kann man zwar nicht Arschloch werden….aber eben auch nicht Präsident.



Hier ging es lang:


Veröffentlicht von MoTranshumance

Born to Ride - Forced to Work

4 Kommentare zu „Asshole Club – Zum Karten spielen nach Edinburgh

  1. Moin,

    Deine Fahrt erinnert mich an eine Summer School in Colchester (University of Essex), waren nur vier Wochen und vor Erasmus, aber eine tolle Zeit. Leider ist der Kontakt zu den Leuten damals abgebrochen. Mal sehen, ob ich mal wider auf die Insel komme. Die Zeiten haben sich ja sehr geändert.

    Gruß

    Ralf

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  2. Schottland, das ist bei mir schon wieder unglaubliche 27 Jahre her…Den Gedanken, dass ich da mal wieder hin möchte, habe ich schon länger – und nach diesem Bericht und den tollen Fotos jetzt gerade ganz akut! Danke dafür!

    Die Linke zum Gruße, Achim

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